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Abseilpanne am Il Gibbo
Dabei war doch alles richtig ...

Das man beim Abseilen alles richtig machen kann und trotzdem alles schief geht, beweist ein Zwischenfall vom 10. September 2005 am Il Gibbo, Cardinigruppe, Sextener Dolomiten. Thomas Herrmann, Steffen Große und ich hatten nach einer erstklassigen Kletterei den Gipfel erreicht. (Siehe Bericht Il Gobbo, Nordwand, Fantin/Vecellio) Nun ging es an die Abseile, die entweder über die Route zurück, oder aber auf direktem Wege über 2 x 50m mit Zwillingsseil möglich war.

Il GobboUm im inzwischen strömenden Regen schnell zu sein, wurde die letzte Variante gewählt. Und es lief, wie im Lehrbuch: beide Seilstränge mittels Sackstisch verbunden, in jedes Seilende einen einfachen Knoten, um ein Überseilen und den damit verbundenen Absturz zu vermeiden (immerhin wurde laut Kletterführer luftig über einen Überhang angeseilt), und Seilwurf!

Ich fuhr als erster unter Verwendung des Abseil- und Sicherungsgeräts Tre ab. Schon nach wenigen Metern geht es in den Überhang unterhalb des Gipfelkopfes. Man schwebt wie eine Spinne nach unten ... doch dann traute ich meinen Augen nicht: beide Seilenden waren in Abstand von ca 5m auf einem zerklüfteten Absatz seitlich der gegenüberliegenden Wand gelandet. Zum Glück schließt das Tre automatisch und verhindert ein weiteres Abfahren, wenn man es los lässt. Der Versuch, die Seilenden durch Anheben und Seilschlagen zu lösen und zum Fall nach unten zu bringen, scheiterte kläglich. Im Gegenteil, die Knoten in den Seilenden zogen sich in Rissen und Spalten fest. Der Versuch, vielleicht doch noch seilend den Boden zu erreichen, ging in die Hose.

Ich hing in der Falle, frei in der Luft, ca. 10m über dem Band, das ich hätte erreichen müssen, mit allen Seilen nach oben, nämlich zwei Stränge zur Abseilöse und zwei Stränge am Absatz, nur wenige Meter neben den Kamin, durch den das Team aufgestiegen war. Eine Schaukel hätte man nicht besser bauen können. Versuche, in eine der Wände zu pendeln, scheiterten wegen der Seilspannung. Nach langen langen Bemühungen war die Verzweiflung schon nahe und der Ruf der Bergrettung wahrscheinlich. Die hätten sich halb tot gelacht ;)

In der Falle beim Abseilen im Kamin des Il Gobbo
Steffen nach der Lösung des Problems - Abseile in den Kamin

Dann kam die erlösende Idee. Mittels Prusikschlinge arbeitete ich mich am Seil zu den verklemmten Enden aufwärts, schwitzend vor Angst, dass die Knoten sich plötzlich doch lösen könnten und ich mit einem Affenzahn durch die Luft und in die andere Wand schießen würde. Irgendwann dann war die Kante des Kamins greifbar nahe - sanfte Pendelversuche. Wieder nichts! Weiter aufwärts! Dann wieder ein Pendel - und endlich ein guter Griff, beim ersten Versuch rausgerutscht, beim zweiten ordentlich zugepackt, ran ziehen, was für die andere Hand suchen, Luft holen!

Il Gobbo - danachJetzt war das Problem genau umgekehrt: die verklemmten Seile, an denen es mühsam aufwärts gegangen war, spannten und verhinderten ein Klettern in den Kamin. Also Prusik und Tre lösen, das nun lockere, von oben kommende Seil durchziehen! Bloß nicht wieder aus der Wand fallen. Zentimeter für Zentimeter ging es in Wandkletterei in den, um sich sicher zu verklemmen viel zu breiten, Kamin. Dann endlich: der Ring, an dem das Team im Aufstieg zusätzlichen Stand gemacht hatte! Zack, rein die Finger! Selbstsicherung geklemmt und ... sicher! (So ist das manchmal - im Aufstieg war es Quatsch, an diesem Ring halt zu machen - jetzt war die Kenntnis von diesem zusätzlichen Standplatz die Rettung. So fügen sich manchmal die Zufälle zusammen!)

45 min hatten die beiden anderen im kalten Regen auf dem Gipfel gestanden, wussten, das was nicht stimmt, ahnten aber nicht, was sich da unten abgespielt hatte. Der Rest löste sich dann schnell auf. Ich sicherte das Seil am Ring, gab das Seil frei und Steffen kam als nächster, von mir einfach am Seil in den Kamin gezogen. Thomas als letzter musste in den sauren Apfel beißen, er wurde von Steffen und mir derart am Seil heran gezogen, dass er mit einigen akrobatischen Übungen den Absatz erreichen und die Seilenden lösen und dann ebenfalls in den Kamin seilen konnte. Da standen wir drei dann, ich völlig überhitzt und vor Aufregung, die beiden anderen unterkühlt und deswegen heftig zitternd. Der Rest der Talfahrt verlief problemlos.

Ein Abenteuer mehr erlebt, und das, obwohl wirklich alles richtig war. Das Anbringen von Knoten in den Seilenden beim Abseilen ist Lehrmeinung, aber auch umstritten. Doch im Zweifel ist das richtig, lieber ein solches Abenteuer durchleben, als über das Seilende rutschen und ins Tal krachen!

Es gibt also nichts, was wir aus diesem Erlebnis schlussfolgern könnten! Vielleicht: Wir sind gut in der Theorie, und wie sich gezeigt hat, in der Praxis auch. Immerhin wurde diese Krisensituation gut gemeistert. Und vielleicht: Auf die Knoten in den Seilenden sollte man dann verzichten, wenn man sieht, wo und wie das geworfene Seil landen wird. Dann ist ja ein Überseilen nicht möglich. Ansonsten: Knoten, Sicherheit geht vor!

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